
Kennen Sie den Roman «Momo» von Michael Ende? Momo hört den Menschen zu, schenkt ihnen Zeit und spricht mit ihnen. Einmal sagt sie:
„Es gibt ein grosses und doch ganz alltägliches Geheimnis. Alle Menschen haben daran teil, jeder kennt es, aber die wenigsten denken je darüber nach. Die meisten Leute nehmen es einfach so hin und wundern sich kein bisschen darüber. Dieses Geheimnis ist die Zeit.“
Darüber lohnt es sich nachzudenken. Im Deutschen haben wir nur ein Wort für Zeit, im Griechischen gibt es zwei: chronos und kairos. Chronos bezeichnet die messbare, ablaufende Zeit. Jeder Tag hat 24 Stunden, jede Stunde 60 Minuten. Kalender und Uhren helfen uns, sie zu erfassen. Auch Momo sagt:
„Es gibt Kalender und Uhren, um Zeit zu messen, aber all das will wenig besagen, denn jeder weiss, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann oder wie ein Augenblick vergeht – je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen.“
Zeit ist also nicht nur eine lineare, messbare Grösse. Sie ist auch Erlebnis. Kairos meint die besondere Stunde, den richtigen Zeitpunkt, in dem Leben geschieht. Viele von uns kennen solche Momente: Augenblicke, die wir nie vergessen, in denen sich neue Türen öffnen. Das gilt für Zeiten grosser Freude ebenso wie für Momente der Krise. Auch die Bibel spricht vom Kairos: besondere Momente im Leben, die bleibende Veränderung bewirken.
Um diese Augenblicke wahrzunehmen, braucht es im Alltag kurze Momente des Innehaltens. Wie sieht dies bei Ihnen aus? Nehmen Sie sich Zeit dafür? Ein solches Innehalten kann ganz verschieden aussehen: bewusst Kaffee trinken, Tagebuch schreiben, Gottesdienst besuchen, Stille Zeit für sich mit Gott, Durchatmen und Augen schliessen oder auch mal den Blick schweifen lassen und wahrnehmen.
Zeit – wir müssen nichts tun, damit sie kommt. Sie steht, bildlich gesprochen, vor unserer Haustür und bittet um Einlass. Ob wir ihr öffnen oder nicht: Sie kommt. Und sie geht wieder. Zeit ist Geschenk – und bleibt Geschenk. Wie viel davon uns geschenkt ist, wissen wir nicht. Umso kostbarer ist es, die Tage bewusst zu leben, im Jetzt zu sein, Freude zu empfangen und weiterzugeben.
„Carpe diem“, sagt das Sprichwort: Pflücke den Tag. Vielleicht bedeutet das vor allem eines: die Zeit nicht nur verstreichen zu lassen, sondern sie als Leben wahrzunehmen – mit dem Herzen und die Früchte davon zu geniessen.
Karin Baumgartner
