Jetzt sind die Spinnennetze wieder besonders gut sichtbar, geschmückt mit kleinen Tröpfchen, die an den dünnen Fäden hängen. Sie wirken wie wahre Kunstwerke.

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Im Sommer hatte sich die Spinne an einem Faden vom Baum herabgelassen und begann in mühevoller Arbeit, ein kunstvolles Netz zu spinnen. Als sie fertig war, fing sie Mücken und Fliegen ein, von denen sie sich ernährte. Es ging ihr gut.

Doch eines Tages kam ein feuchter Herbstmorgen. Die Spinne machte ihren Morgenspaziergang über das Netz, prüfte Fäden und Knoten und stellte fest, dass alles in Ordnung war. Dabei entdeckte sie den Faden nach oben, an dem sie sich im Sommer herabgelassen hatte, und den sie in ihrer geschäftigen Tätigkeit ganz vergessen hatte. Sie schaute hinauf und überlegte, was dieser fremde Faden wohl sei, der in die Höhe führte. Da sie nicht mehr wusste, wozu er diente, hielt sie ihn für überflüssig und biss ihn kurzerhand ab. Plötzlich fiel das Netz über sie zusammen, wickelte sich um sie wie ein nasser Lappen und erstickte sie.

Ende November gedenken wir der Verstorbenen. In dieser Zeit wird mir bewusst, wie begrenzt unsere Zeit hier auf der Erde ist. Das Netz symbolisiert unser Leben und alles, was wir daraus machen möchten. Im Kleinen beginnt es, und mit der Zeit erweitern wir unseren Radius. Oft „spinnen“ wir Pläne für unser Glück. Und da ist noch der Faden, der nach oben führt. Er ist für mich lebenswichtig; mein ganzes Leben hängt an ihm. Nein, ich werde nicht wie eine Marionette an diesem Faden bewegt. Der Faden nach oben gibt mir die Freiheit zu „spinnen“, lässt mich gestalten und farbige Muster in mein Netz weben.

Das Netz kann freilich durch einen hereinbrechenden Sturm und peitschenden Regen zerzaust werden. Es kann Löcher und Risse bekommen, und vielleicht verfange ich mich sogar darin und zappele, bis ich mich wieder befreit habe. Es läuft nicht immer alles rund. Doch es wird nicht in sich zusammenfallen, solange es mit dem tragenden Teil meines Lebens verbunden ist – mit Gott, der mich in seiner Liebe hält. Anfang und Ende liegen bei Gott, darum will ich Sorge tragen dazu, den Faden zum Ewigen niemals abzuschneiden.

Denn in der Gewissheit, dass ich in Gottes Händen geborgen bin, finde ich die Stärke, die Herausforderungen des Lebens anzunehmen und mit einem offenen Herzen dem Unbekannten entgegenzutreten.

Lebensnetz