
Es ist wieder Herbst. Im Frühling blühten an diesem Strauch noch Heckenrosen. Rosen ein Sinnbild für Liebe, Schönheit und den Anfang des Lebens, der unverbraucht und voller Möglichkeiten ist. Eine Knospe steht für das, was werden will, für das noch Ungesagte und Unverbrauchte. Doch was geschieht, wenn die Blüte vergeht, wenn der Duft verfliegt und die Jahre vergehen?
Viele Menschen haben Scheu, darüber nachzudenken, wie es ist, wenn die Jahre schwinden. Die Rose verwandelt sich in eine Hagebutte: leuchtend rot, voller Samen, kräftig im Wind. Sie erinnert uns daran, dass das Leben nicht aufhört, wenn die Jugend verblasst. Im Gegenteil: Aus der vergänglichen Blüte entsteht eine Frucht, die Neues hervorbringen kann. So kann auch unser Leben reifen und Frucht tragen. Das, was wir sind und tun, kann gleichsam zu Samenkörnern werden – in Gestalt von Erfahrung, Gelassenheit, Mut, Weisheit oder Mitgefühl.
Die Spuren der Jahre – Falten im Gesicht, Veränderungen an den Händen – sind nicht bloss Zeichen des Verfalls, sondern Zeugnisse der gelebten Zeit. Schönheit wandelt sich, sie zeigt sich anders, aber nicht weniger tief. Unser Tun, unsere Worte und Haltungen können zu Samenkörnern werden, die weiterwirken, vielleicht sogar dann, wenn wir längst nicht mehr da sind.
Die Bibel nennt solche Spuren „Früchte des Geistes“: Liebe, Freude, Friede, Großmut, Freundlichkeit, Treue, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung (Galater 5, 22–23). Diese Früchte wachsen im Laufe des Lebens, oft dort, wo wir sie kaum vermutet hätten – mitten in Schwierigkeiten oder neuen Herausforderungen. Manches reift erst spät, manches überrascht uns noch einmal ganz neu.
Vielleicht halten Sie in diesen Tagen eine Hagebutte in der Hand oder sehen sie im Strauch leuchten. Nehmen Sie diesen Anblick als Einladung, nachzuspüren: Welche Früchte sind in meinem Leben gewachsen? Welche könnten noch reifen? Und was kann von mir bleiben – leuchtend, stärkend, voller Leben? Die Hagebutte erzählt uns: Jede Lebenszeit hat ihre eigene Schönheit, und nichts von dem, was wir sind oder geben, ist vergeblich. Aus allem kann neues Leben erwachsen.
